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Attac-Palaver im Januar 2012: Gemeinwohlorientiertes Banking

Die Zukunft des Wirtschaftens ist derzeit Gegenstand vieler Debatten, Diskussionsrunden und Leitartikel. Nicht erst seit der Finanz- und Eurokrise stellen sich viele in Deutschland die Frage, wie der Geld- und Wirtschaftskreislauf in einen ethischen und gemeinwohlkonformen Rahmen gebracht werden kann. Neun Unternehmen aus Süddeutschland, darunter die Sparda-Bank München, geben darauf ihre eigene Antwort: Sie haben sich 2011 der Initiative "Gemeinwohl-Ökonomie" angeschlossen.

Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda Bank München (Foto: Achim Brandt)Der Vorstandsvorsitzende der Münchner Sparda-Bank, Helmut Lind, berichtete auf dem Attac Palaver im Januar über seine Ziele und seine Erfahrungen. Die Bank unterzieht sich freiwillig einer ökosozialen Gemeinwohlbilanz und gehört zur Gemeinwohl-Ökonomie-Gruppe um Christian Felber (Attac Österreich). Den außerordentlich gut besuchten Abend moderierte Renate Börger, Journalistin und Gründungsmitglied von Attac München.

Zu Beginn seines Vortrags verdeutlichte Lind mit einer Kernaussage seine Haltung zum Bank- und Finanzsektor: Je größer der Banksektor wird, desto instabiler wird er. Wir brauchen nicht mehr Effizienz, sondern mehr Resilienz. Ein mächtiges Bankensystem fördert für Lind nicht das Wachstum, sondern behindert es. Die Sparda-Bank setzt unter Lind auf das Nachhaltigkeitsprinzip – also langfristig ausgelegte Investitionen.

Gelebte Gemeinwohlökonomie in der Bank
Im Rahmen der Gemeinwohlökonomie hat die Bank bereits seit mehreren Jahren Kontakt zu Christian Felber und setzt für sich selbst auf ein integrales Modell. Lind will seine Mitarbeiter durch Überzeugungsarbeit gewinnen und setzt auf einen Willen zur Änderung von Innen heraus. Für ihn wird Gemeinwohlökonomie gelebt, wenn jeder seine individuellen Stärken und Potenzial einbringen kann. Dabei darf nicht nur gefördert werden, was dem Unternehmen selbst dient. In Rahmen eines "Marktplatzes" haben die Mitarbeiter so die Möglichkeit, freiwillig mit Trainern an ihren gewünschten Stärken zu arbeiten. Für Lind ist dabei besonders wichtig, dass seine Mitarbeiter über ihr Tun zu reflektieren und aufeinander zuzugehen und zu kooperieren.

Dabei lässt sich dieses Konzept nur schrittweise im Rahmen eines langfristigen Prozesses durchsetzen, da sowohl Kunden als auch Mitarbeiter und Genossen nicht von Beginn an überzeugt waren beziehungsweise sind. Schnell wird nach Lind nämlich aus dem Gedanken der Gemeinwohlökonomie wieder die "Meinwohlökonomie", in der die eigenen Interessen im Vordergrund stehen – etwa bei der Frage nach einer guten Verzinsung des Guthabens.

Für ein Stimmungsbild unter den Mitarbeitern misst die Bank alle zwei Jahre die Werte der Mitarbeiter. Dabei stehen die Fragen im Raum, welche Werte die Mitarbeiter als wichtig erachten, welche für die Bank heute sowie in fünf Jahren von Bedeutung sind. Die Übereinstimmung bei den Werten ist laut Lind entscheidend, denn nur dann zieht das Team auch in eine Richtung. Innerhalb der Bank sieht der Vorsitzende die Demokratie durch einen Rat der Weisen sowie Open Space-Techniken gelebt. Durch den Rat der Weisen, der vom Betriebsrat per Zufallsprinzip bestimmt wird, erhält der Vorstand öffentlich Informationen über Unstimmigkeiten innerhalb der Arbeitnehmerschaft und muss sich entsprechend damit auseinandersetzen.

Im Sinne der Gemeinwohlökonomie liegt die Einkommensspreizung beim Faktor sieben, das monatliche Höchstgehalt ist auf 25.000 Euro brutto begrenzt. Im Banksektor ein eher überschaubarer Betrag. Auch die Boni dürfen maximal zwei Monatsgehälter betragen.

Banking nach dem Gemeinwohlprinzip
Beim Banking fokussiert sich die Sparda-Bank auf das "Brot- und Buttergeschäft" mit ihren Privatkunden – Selbständige und Unternehmen zählen nicht zur Kundschaft. Kredite vergibt die Bank regional und ebenfalls nur an Verbraucher. Lind will den Weg in Richtung Nachhaltigkeit weitergehen und die derzeit nur zu fünf Prozent durch die Kunden nachgefragten, nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten steigern.

Was die Regulierung angeht, sieht Lind noch deutlichen Handlungsbedarf des Staates. Viele Entscheidungen auf EU-Ebene sind durch Großbritannien beeinflusst und basieren auf dem angelsächsischen Sichtweise – die keine Genossenschaftsbanken und Sparkassen duldet. So findet die Regulierung im Interesse der Großbanken statt. Auch bei der Finanztransaktionssteuer, die Lind ausdrücklich begrüßt, wächst in ihm nach seinen Worten die Wut auf das, was zurzeit hinter den Kulissen geschieht.

Zum Abschluss seines Vortrags wünschte sich Helmut Lind für die Zukunft ein Wachstum von Innen heraus für eine wahre Erfüllung, das sich nicht mehr an materiellen Werten orientiert. In Bezug auf die Gemeinwohlökonomie gab sich Lind optimistisch und überzeugt von deren Erfolg.

Zur Gemeinwohlbilanz der Sparda-Bank:
https://www.sparda-m.de/pdf/sparda-m/testat_Sparda-Bank_Muenchen_Gemeinwohlbericht_2011-09.pdf


Daniel, AK Presse